Interview mit dem Vorstandsvorsitzenden der Stiftung ProAlter

Seit Oktober 2007 bereichert die vom Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA) ins Leben gerufene Stiftung ProAlter die deutsche Stiftungslandschaft. Im Folgenden beantwortet der stellvertretende Vorsitzende des KDA und Stiftungsvorsitzende, Prälat i. R. Rudolf Schmidt, sechs Fragen zu den Aufgaben und Zielen der Stiftung und zu seinem persönlichen Engagement. Das Interview wurde anlässlich der Stiftungsgründung von Annette Scholl (Kuratorium Deutsche Altershilfe) im Jahr 2007 geführt.

Seit dem ersten Oktober gibt es die neue Stiftung „ProAlter“, die sich dem „hilfreichen Alter“ widmet. Was verstehen Sie unter „hilfreichem Alter“?

Schmidt: Darunter verstehe ich jede Aktivität, mit der alte Menschen sich für andere helfend einsetzen. Das geschieht in der Familie, in der Nachbarschaft, im generationsübergreifenden Engagement, in Besuchsdiensten, Heimhilfen etc., allein oder gemeinsam mit anderen. Also: die ganze große Palette des hilfreichen Alters, wie sie heute – und schon seit langem – exis­tiert.

Was hat das Kuratorium Deutsche Altershilfe als Gründungsstifter bewogen, sich diesem Thema im Rahmen einer Stiftung zu widmen?

Schmidt: Das KDA setzt sich ja bereits seit über 40 Jahren für die Interessen des hilfebedürftigen Alters ein. Denken Sie zum Beispiel an „Essen auf Rädern“, „Wohnberatung“, „Demenz-Servicezentren“, Weiterentwicklung des traditionellen Pflegeheims im Sinne des „Hausgemeinschaftskonzepts“, Alternativen zum traditionellen Pflegeheim in Gestalt von „Betreuten Wohngruppen“ – neuerdings im Rahmen von „Quartierskonzepten“, Mitentwicklung von Expertenstandards oder der Herausgabe von Expertenhandbüchern. Adressat all dieser einflussreichen Bemühungen und Initiativen waren die professionellen Helferinnen und Helfer und die professionellen Hilfeinstitutionen für hilfebedürftige, vor allem pflegebedürftige alte Menschen. Das wird das KDA auch weiter engagiert und kompetent tun; und die Stiftung wird das KDA dabei unterstützen.

Aber: Das KDA hat erkannt, dass dies allein nicht mehr ausreichen wird. Angesichts des in Zukunft stark wachsenden Hilfebedarfs von alten Menschen müssen wir uns etwas Neues einfallen lassen. Denn die heute vorhandenen Ressourcen der Hilfe – die Familie, die professionellen Helferinnen und Helfer und auch die finanziellen Mittel – werden nicht mit dem Bedarf mitwachsen, sondern zum Teil sogar abnehmen. Nur eine Ressource wächst mit: Das sind die alten Menschen selbst, die zur Hilfe bereit und fähig sind. Diese Ressource will die Stiftung ins Bewusstsein bringen und verstärken.

Die „Unterstützung und Erhöhung des Engagements der Älteren für Ältere“ ist ein Satzungsauftrag der neuen Stiftung ProAlter. Warum stehen die Hilfen von Älteren für Ältere im Vordergrund und nicht beispielsweise generationsübergreifende Hilfen?

Schmidt: Zunächst einmal wollen wir natürlich generationsübergreifende Hilfen nicht ausschließen. Die Hilfen von Älteren für Ältere stehen aber deshalb im Vordergrund der Stiftungsarbeit, weil alte Menschen aufgrund ihrer biografischen Nähe zu hilfebedürftigen alten Menschen ein reiches Erfahrungswissen mit ihnen teilen und sie damit in der Regel besser verstehen und verständnisvoller begleiten können. Außerdem schätzen wir die Probleme, die sich in der Zukunft ergeben werden, als so groß ein, dass wir sozusagen jeden dringend brauchen werden, der zu helfen willens und in der Lage ist.

Die Stiftung hat sich darüber hinaus zum Ziel gesetzt, „Selbstbestimmung und Lebensqualität im Alter für das hilfebedürftige und hilfreiche Alter zu erhöhen“. Welche Bedeutung misst die Stiftung in diesem Zusammenhang den Wünschen, Erwartungen und Beweggründen älterer Ehrenamtlicher bei?

Schmidt: Freiwillig engagierte ältere Menschen mit ihren Wünschen, Erwartungen und Beweggründen sind geradezu die Voraussetzung und das Fundament der Stiftungsidee! Wir wissen aus eigener Erfahrung und aus vielen Untersuchungen, dass die Bereitschaft zum ehrenamtlichen Engagement vor allem bei den über 60-Jährigen hoch ist und seit Jahren zunimmt. Einerseits aus Einsicht in die Notwendigkeit des Engagements, andererseits weil immer mehr alte Menschen erkennen und spüren, dass sie in ihrer Lebensphase nicht den „Ruhestand“ brauchen, sondern Herausforderungen, insbesondere menschliche Herausforderungen, auf die sie nach dem Maß ihrer vorhandenen Kräfte reagieren können, die sie also zugleich fordern und fördern.

Nur weil ältere Ehrenamtliche das selbst so sehen, hat die programmatische Idee der Stiftung „Das hilfreiche Alter hilfreicher machen“ eine solide Basis.

Wie kann die Stiftung dazu beitragen, dass die Beweggründe und Wünsche älterer freiwillig Engagierter zur Entfaltung kommen?

Schmidt: Indem sie hilft, praktische Möglichkeiten zur Umsetzung und zum Einsatz dieser Beweggründe und Wünsche zu entdecken und zu entwickeln. Es gibt ja längst in vielen Orten bemerkenswerte Initiativen der Hilfen von Älteren für Ältere. Hier wird die Stiftung im Rahmen eines Wettbewerbs vorhandene Initiativen und Praxisbeispiele möglichst weitgehend erfassen, sie auswerten und auf ihre Vervielfältigungschance hin prüfen. Sie wird auch neue Initiativen entwickeln und begleiten.

Eine wichtige Aufgabe der Stiftung wird in diesem Zusammenhang aber auch sein, durch entsprechende Öffentlichkeitsarbeit die gesamtgesellschaftliche Bedeutung solcher Hilfen von Älteren für Ältere im allgemeinen Bewusstsein zu verankern. Auf diese Weise wird sie eine angemessene Bewertung und Würdigung des ehrenamtlichen Engagements auf diesem Gebiet ermöglichen und befördern.

Seit Jahren sind Sie selbst ehrenamtlich aktiv. Was hat Sie bewogen bzw. was motiviert Sie heute, sich freiwillig zu engagieren?

Schmidt: Da gibt es viele Gründe. Die wichtigsten sind: der Wunsch, Menschen hilfreich zur Seite zu stehen, die Hilfe brauchen, und das Wissen, dass dies im Blick auf alte hilfebedürftige Menschen in Zukunft noch wichtiger werden wird, als es heute schon ist. Natürlich auch die Einsicht: „Wer rastet, der rostet“, und die Erfahrung: Es tut gut, gemeinsam Gutes zu tun. Und schließlich auch die Erkenntnis: Ich bin möglicherweise selbst einmal die Adresse solcher Hilfe und darauf angewiesen. Und ich werde dann froh und dankbar sein, wenn es sie auch für mich gibt.

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